Mutismus vs. Autismus

Da diese beiden Diagnosen viel zu oft miteinader verwechselt werden, möchte ich hier auf einen Auszug des Buches "Gesichter des Schweigens" von Boris Hartmann hinweisen.

Eine differenzialdiagnostische Abgrenzung gegenüber dem Autismus kann durch drei Merkmale im Verhalten der Betroffenen vorgenommen werden:

  1. Konstanz: Autisten verhalten sich gleich bleibend zurückgezogen, kontaktarm und abwehrend gegenüber Wahrnehmungsreizen des Umfeldes und bevorzugen selbststimulierende visuelle und auditive Stereotypien, während Mutisten zwei völlig unterschiedliche "Gesichter" zu haben scheinen: hier der introvertierte, gehemmte Schweiger - dort der gelöste, anhängliche Lebhafte.

  2. Emotionalität: Autisten zeigen sich emotional meistens eher unterkühlt, können nur schwer einen gefühlsmässigen Kontakt selbst zu ihren Eltern und Geschwistern aufbauen, machen sich schon als Säugling beim Hochheben durch die Mutter körperlich steif. Mutisten sind dagegen in den Situationen, in denen sie sich ungehemmt verhalten und lebhaft sprechen, überaus emotional, suchen geradezu den äusserst engen Kontakt zu einem Elternteil (meistens der Mutter).

  3. Sprachentwicklung: Autisten entwickeln aufgrund neurolinguistischer und neuromotorischer Störungen häufig nur eine redunante, auf den Ebenen Artikulation, Grammatik-Morphologie, Semantik-Lexikon und pragmatischkommunikative Kompetenz auffällig abweichende Sprache. Die Schriftsprache bleibt ihnen häufig verschlossen oder ist allein über die "Gestützte Kommunikation" (Facilitated Communication/FC) anhand von Buchstabentafeln oder Buchstabentastaturen anzubahnen. Mittlerweile werden in die Gestützte Kommunikation auch Methoden und Ansätze der "Unterstützten Kommunikation" (Augmentative und Alternative Communication/AAC) mit Einsatz von Körpersprache und Gebärden integriert. Mutisten verfügen dagegen über eine mindestens altersentsprechende Entwicklung der (Schrift-)Sprache, benötigen also keine speziellen Konzeptionen einer Kommunikationsdidaktik. In vielen Fällen ist derschriftliche Ausdruck sogar überdurchschnittlich gut, da er aufgrund des situativen Schweigens (z.B. in der Schule) als das Kompensationsmittel eingesetzt wird.

© Boris Hartmann

  Gesichter des Schweigens Dr. Boris Hartmann
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