Der (s)elektive Mutismus

Um was gehts: Der elektive Mutismus (auch selektiver Mutismus genannt) ist eine psychische Störung, die meist zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr beginnt. Betroffene können sprechen, tun dies aber nur mit einer bestimmten sozialen Gruppe (meist mit Eltern und engen Verwandten); häufig kommunizieren sie mit diesen überdurchschnittlich viel. Das emotional bedingte, selektive Verstummen ist nicht mit bewusster Antipathie oder Sympathie gegenüber einer Person zu erklären. Neuerdings wird in der Wissenschaft diskutiert, ob der elektive Mutismus ein Subtyp der sozialen Phobie ist.

Wer ist betroffen: Es gibt keine repräsentativen Zahlen für die Schweiz. In Fachbeiträgen wird oft von 2 bis 5 von 10'000 Kindern gesprochen, in der deutschsprachigen Literatur von bis zu 1 von 1000 Kindern. Sicher ist: Es sind etwa doppelt so viele Mädchen wie Buben. Ein vorübergehendes Verstummen von Kindern gegenüber Erwachsenen kann aber beim Schuleintritt durchaus häufiger beobachtet werden.

Mögliche Ursachen: Es gibt keinen eindeutigen, punktuellen Auslöser des elektiven Mutismus. Risikofaktoren können sein: Sprachentwicklungsverzögerung, scheue bis ängstliche Persönlichkeit, Sprechhemmung und Schweigsamkeit in der Familie, Zweisprachigkeit bei Migration. Nur in Einzelfällen spielen psychische Traumatisierungen eine Rolle (Bewahrenmüssen eines Familiengeheimnisses, Kindsmisshandlung etc.).

Was man tun kann: Wie bei vielen Verhaltensauffälligkeiten geht man davon aus, dass eine frühe Behandlung eines Kindes die Beeinträchtigung seiner weiteren Entwicklung erspart. Zur Abklärung wendet man sich am besten an den Kinder- und Jugendpsychiater, an den schulpsychologischen oder den logopädischen Dienst. In der Abklärung und Behandlung sollte die gesamte Familie eingebunden werden. Meist verliert sich das Symptom des Mutismus im Jugendalter.

schüchterner Junge

Selbsthilfe: In Deutschland existiert seit dreieinhalb Jahren der Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland, der die Störung bekannter machen will. Regelmässig finden Workshops statt; ausserdem tauschen sich Betroffene und Angehörige auf der Internetseite www.mutismus.de aus. In der Schweiz gibt es derzeit noch keine Selbsthilfegruppe; jedoch sind wir gerade dabei hier eine auf die Beine zu stellen. Interessierte können sich unter folgender Adresse melden: mutismus@gmx.ch.


Weitere Hilfe:
Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst des Kantons Zürich, Tel. 043 499 26 26.

Literaturtipp: Boris Hartmann u.a.: Gesichter des Schweigens, 2005, 53.90 Fr. – Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern, 2007, 42.70 Fr. (kat)